Rückblick: 23. Delitzscher Gespräch

Regional. Nachhaltig. Demokratisch. Genossenschaften als alternatives Wirtschaftsmodell

Innovative Genossenschaften stellten ihre Gründungen auf dem diesjährigen Delitzscher Gespräch vor und überzeugten mit neuen Ideen, welche die Menschen in ihrer Region bereichern. Rund 60 Teilnehmer kamen am Gründungsort des Vorschussvereins, der späteren Volksbank, im Markt 20 in Delitzsch zusammen.

Dr. Roland Löffler, Direktor der sächsischen Landeszentrale für Poltitische Bildung. Quelle: DHSDG

Nach der Eröffnung vom Vorstandsvorsitzenden Axel Viehweger leitete Roland Löffler, Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, mit einem Vortrag über die Bedeutung der Bürgergesellschaft die Tagung ein. Löffler verknüpfte seine Ausführungen zu bürgerschaftlichem Engagement und regionaler Verantwortung mit dem Begriffspaar „miteinander-gehen“, welches Carlo Schmid, ein Vater des Grundgesetzes, prägte. Dies entspräche dem Förderauftrag der Genossenschaften, die gemeinwohlorientiert angelegt sind. Das unterscheide diese Unternehmensform von allen anderen, denn hier geht es nicht nur um Gewinnmaximierung.

Den positiven Einfluss der Genossenschaften auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen der Region zeigte der Beitrag der WerraHanf Genossenschaft, die eine alte Kulturpflanze in ihrer Region wieder populär macht. Zahlreiche Akteure haben sich zusammengefunden und produzieren unterschiedliche Waren aus dem genossenschaftlich angebauten Hanf, angefangen vom Salatöl bis hin zum Dämm- oder Heizmaterial für das Eigenheim. Der Hanf wird zu 100 % biologisch angebaut und lässt sich zu 100 % verwerten. Die Hanfpflanze ist ein Alleskönner und der Anbau für die Werra-Region identitätsstiftend.

Diana Wetzestein, Vorstandsvorsitzende WerraHanf. Quelle: DHSDG

Alexander Schilling, Aufsichtsratsmitglied der ersten Kulturgenossenschaft Thüringens, präsentierte die ambitionierte Idee, das Erfurter Schauspielhaus als kulturelles Zentrum wieder aufzubauen und mit einem vielfältigen Programm zu beleben. Um der Stadt Erfurt das seit 2002 leerstehende Haus abzukaufen, beschloss der Verein KulturQuartier die Gründung einer Genossenschaft und startete die Initiative 1000 * 1000 – 1000 Bürger erwerben einen Genossenschaftsanteil von 1000 Euro um die ehemalige Spielstätte zu retten und der Stadt Erfurt abzukaufen. Leer steht das Gebäude nicht mehr, bereits jetzt haben sich drei feste Mieter angesiedelt (Radio, Tanz, Kino). Außerdem gibt es zahlreiche Veranstaltungen im wiedererweckten Kulturquartier.

Alexander Schilling, KulturQuartier Schauspielhaus in Erfurt. Quelle: DHSDG

Oft wird während einer Städtereise eine Stadtführung gebucht. Jeder der ein solches Angebot schon in Anspruch genommen hat, weiß, wie vielfältig die Themen und Angebote sind. Aber wie organisieren sich die StadtführerInnen untereinander? Wie können sie bei einer derartigen Konkurrenz bestehen? Kai Lehmann versuchte Einzelkämpfer zusammenzubringen und aus ihnen eine Gemeinschaft zu machen – das gelang mit der Gründung von Vive Berlin, der ersten Stadtführergenossenschaft. Die Vorteile liegen für ihn ganz klar bei den stabileren Bedingungen für die GästebegleiterInnen. Durch den Zusammenschluss sind sie zu ernstzunehmenden Geschäftspartnern geworden und haben hierdurch die Chance, größere und regelmäßige Aufträge zu bekommen. Die Genossenschaft wächst kontinuierlich, die Auftragsbücher sind voll. Trotz spannender Angebote ist es Lehmann ein Anliegen, Berlin nicht „auszuverkaufen“ und die letzte urige Berliner Eckkneipe den Touristen als Highlight zu überlassen.

Kai Lehmann, Vorstand der Vive Berlin. Quelle: DHSDG

Für die erste Schülergenossenschaft Sachsens, der EHRENBERG-Schülergenossenschaft Delitzsch, ist die demokratische Mitbestimmung einer der wichtigsten Aspekte, den sie an ihrer Schülerfirma schätzen und auch an andere SchülerInnen weitegeben wollen. Sie bestimmen den Schulalltag mit und müssen dafür auch einiges von ihrer Freizeit opfern. Dennoch bleiben sie mit viel Engagement bei der Sache und möchten sobald es geht mit der Produktion von Schul-T-Shirts beginnen. Auch was die Vermarktung angeht, haben sich die Schüler bereits Gedanken gemacht, so die Vorstände Tom Heintke und Michael Schmidt, die im Anschluss an das Delitzscher Gespräch noch einen Präsentationstermin zur Gestaltung ihrer eigenen Homepage hatten, welche wiederum ein anderes Mitglied der Schülergenossenschaft visualisiert hat. Genossenschaftliche Zusammenarbeit eben.

Tom Heintke und Michael Schmidt, Vorstände der EHRENBERG Schülergenossenschaft. Quelle: DHSDG

Die Podiumsdiskussion, moderiert vom genossenschaftlichen Krautreporter Christian Gesellmann, bildete wieder den Abschluss des Delitzscher Gesprächs. Gesellmann sprach mit den Podiumsgästen nicht nur über die Vorteile, sondern auch über Forderungen und Wünschen an Gesellschaft und Politik. Die Diskutanten waren sich einig, dass mehr Teilhabe sowie genossenschaftliches Denken und Handeln der Gesellschaft wie auch der Politik guttun würde.

Die Podiumsdiskussion wurde von Karutreporter Chritian Gesellmann moderiert. Quelle: DHSDG

Die Beiträge zum Delitzscher Gespräch erscheinen zum Nachlesen vollständig in der Schriftenreihe der Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft im Frühjahr 2019.

 

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