Museum und Denkmal am authentischen Ort

Die in Nordsachsen liegende Große Kreisstadt Delitzsch hat es dem berühmtesten Sohn der Stadt zu verdanken, dass sie die Wiege des modernen Genossenschaftswesens wurde.

Im damaligen Haus des Schuhmachermeisters Wilhelm Brendecke und heutigen Museumsgebäude in der Kreuzgasse 10 gründete Dr. Hermann Schulze-Delitzsch am 1. Dezember 1849 gemeinsam mit 57 Delitzscher Schuhmachern eine Schuhmacher-Assoziation. Mit der am 28. Oktober 1849 ins Leben gerufenen Tischler-Assoziation war dies die Geburtsstunde der Genossenschaften und der Genossenschaftsbewegung in Deutschland.  Auf Initiative Dr. Schulze-Delitzschs wurde am 10. Mai 1850 in Delitzsch ein Vorschussverein für Handwerker gegründet, die spätere Volksbank Delitzsch. Als älteste Volksbank in Deutschland wurde sie zu einem der Ausgangspunkte der genossenschaftlichen Finanzwirtschaft.

Am historischen Ort der ersten Genossenschaftsgründung befindet sich heute das Schulze-Delitzsch-Haus Deutsches Genossenschaftsmuseum. Mit der dort gezeigten einzigartigen Personalausstellung leben die Ideen des Genossenschaftspioniers weiter. Anhand seiner Biographie wird ein Stück deutscher Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte erzählt und der Bogen in die Gegenwart gespannt. 

"Selbsthilfe - Selbstverantwortung - Selbstverwaltung"

Diese Prinzipien sind noch heute die Grundpfeiler genossenschaftlichen Wirtschaftens. Als Dr. Hermann Schulze-Delitzsch sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufstellte, standen sie für ein neues bürgerliches Selbstverständnis, für eine wachsende Liberalisierung und Eigenverantwortung innerhalb der Gesellschaft. Bis heute stehen sie aber auch für Demokratisierung und soziale Partizipation der Bevölkerung an der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung.

Das Schulze-Delitzsch-Haus Deutsches Genossenschaftsmuseum wurde als Gedenkstätte des deutschen Genossenschaftswesens durch Delitzscher Bürger bereits im November 1989 - unter ihnen Museumsleiterin Christel Moltrecht und Oberbürgermeister Heinz Bieniek - initiiert. In einer Gemeinschaftsaktion von Deutschem Genossenschafts- und Raiffeisenverband DGRV, Freistaat Sachsen und der heutigen DZ-Bank konnte am 14. Oktober 1992 das einzige Personalmuseum für den Genossenschaftsgründer eröffnet werden. Im November 2010 wurde das Museum umfassend nach zeitgemässen museumspädagogischen Erkenntnissen umgestaltet und trägt seitdem seinen heutigen Namen. Zu dieser Neugestaltung trug die deutsche Genossenschaftsorganisation rund 75.000 Euro und die Deutsche Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft, die in dem Haus ihren Sitz hat, rund 37.000 Euro bei.

Vergleichbare Museen existieren in Großbritannien in Erinnerung an die Redlichen Pioniere von Rochdale oder an den Genossenschaftsgründer Robert Owen. In Deutschland wurde bis zur Gründung des Delitzscher Museums nur dem genossenschaftlichen Mitstreiter Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818 - 1888) in Hamm (Sieg) sowie in Flammersfeld und dem Begründer wohnungsgenossenschaftlicher Initiativen Victor Aimé Huber (1800 - 1869) in Wernigerode museal gedacht.

Als Museumstyp steht dieses Museum mit seinen unternehmens-, wirtschafts- sozial- und kulturgeschichtlichen Bezügen solitär da. Darüber hinaus ist es freilich thematisch in der Stadt-, Regional- und Landesgeschichte verankert. Den Einzel- oder Gruppenbesuch in Delitzsch kann man mit einem Gang zum Geburtshaus sowie zum späteren Wohnhaus der Familie Schulze und zum Schulze-Delitzsch-Denkmal abrunden. Empfehlenswert ist auch ein Bummel durch die historische Altstadt mit Teilen der ehemaligen Wehranlage, ein Besuch des wunderbar restaurierten Museums Barockschloss Delitzsch sowie der Wandel durch den wiederhergestellten Barockgarten, den Stadtpark oder die Promenade.

 

Eine moderne Ausstellung

Im Jahr 2010 erfolgte eine umfassende inhaltliche und gestalterische Überarbeitung der musealen Präsentation, die am 22. November des Jahres der Öffentlichkeit übergeben wurde.

Die neue Dauerausstellung auf einer Fläche von ca. 150 Quadratmetern realisiert ein erfrischendes Konzept, dass eine stringente farbliche Strukturierung ebenso beinhaltet wie interaktive Elemente. Letztere finden beispielsweise als Hörstationen, Textwürfel, Wandklappen und Schubläden Eingang in die Ausstellung. Das ganze wurde in ein durchgehendes visuelles Gestaltungskonzept eingebunden. Die Besucher werden dabei zu einer selbstbestimmten Auseinandersetzung mit den inhaltlichen Angeboten animiert. Sie erwartet eine moderne, abwechslungsreiche Ausstellung mit visuellen und akustischen Angeboten. Geschichte wird für alle Altersgruppen sinnlich erleb- und begreifbar. Je nach persönlicher Vorkenntnis und Interesse lassen sich thematisch und farblich gegliederte Wandklappen öffnen, Ereignisse hinterfragen. Kleinere Sonderausstellungen in der im Haus befindlichen musealen Buchbinderwerkstatt setzen Akzente.